Die Renaissance eines Internet-Veteranen: Eine tiefgreifende Analyse der Equity Story von Opera Limited
Die Geschichte des Internets ist geprägt von Aufstieg und Fall zahlreicher Pioniere, doch nur wenige Unternehmen haben eine derart bemerkenswerte Metamorphose durchlaufen wie Opera Limited. Gegründet in einer Ära, als das World Wide Web noch in den Kinderschuhen steckte, hat sich das Unternehmen von einem rein norwegischen Softwarehaus zu einem global agierenden, hocheffizienten Plattform-Betreiber entwickelt, der heute an der Schnittstelle von Webbrowsing, künstlicher Intelligenz und digitaler Werbung operiert. Diese Analyse beleuchtet die fundamentale Substanz eines Unternehmens, das oft im Schatten der Big-Tech-Giganten steht, aber durch eine radikale Fokussierung auf hochprofitable Nischen und eine aggressive Monetarisierungsstrategie eine einzigartige Nische am Kapitalmarkt besetzt.
Inhaltsverzeichnis
1. Geschäftsmodell und Wertversprechen
Das heutige Geschäftsmodell von Opera Limited ist das Ergebnis einer strategischen Neuausrichtung, die mit der Übernahme durch ein chinesisches Konsortium im Jahr 2016 und dem anschließenden US-Börsengang im Jahr 2018 eingeleitet wurde. Ursprünglich als reiner Browser-Entwickler positioniert, der durch Lizenzgebühren und Suchpartnerschaften überlebte, hat sich das Unternehmen zu einem datengetriebenen Werbe-Kraftwerk transformiert. Das zentrale Wertversprechen von Opera liegt heute in der Bereitstellung einer hochgradig personalisierten und funktionsreichen Browser-Erfahrung, die es ermöglicht, Nutzergruppen mit hohem kommerziellem Wert gezielt anzusprechen und zu monetarisieren.
Die Umsatzstruktur von Opera verdeutlicht diesen Wandel eindrucksvoll. Das Unternehmen generiert seine Erlöse primär aus zwei Säulen: Werbung (Advertising) und Suchanfragen (Query/Search). Während das Suchsegment historisch die tragende Säule war, hat das Werbegeschäft, getrieben durch die eigene Plattform „Opera Ads“, die Führung übernommen.
| Umsatzsegment | Anteil (Q3 2025) | Wachstum (YoY) | Strategische Bedeutung |
|---|---|---|---|
| Werbung (Advertising) | 63% | 27% | Primärer Wachstumstreiber; Fokus auf E-Commerce und High-Intent-Daten. |
| Suchanfragen (Query) | 37% | 17% | Stabile Cash-Generierung durch Partnerschaften mit Google und Yandex. |
| Lizenzen & Sonstiges | < 1% | Variabel | Nischengeschäft mit abnehmender Bedeutung für den Konzernumsatz. |
Ein wesentlicher Pfeiler des Geschäftsmodells ist die Abkehr von der reinen Maximierung der monatlich aktiven Nutzer (MAU) hin zur Steigerung des durchschnittlichen Umsatzes pro Nutzer (ARPU). Opera hat erkannt, dass nicht jeder Nutzer denselben ökonomischen Wert besitzt. Daher konzentriert das Unternehmen seine Marketinganstrengungen und Produktentwicklung massiv auf westliche Märkte (Nordamerika, Europa) sowie auf spezialisierte Nutzergruppen wie Gamer.
Der Erfolg dieser Strategie spiegelt sich in der Entwicklung des ARPU wider, der im vierten Quartal 2024 auf 1,97 USD stieg (ein Plus von 37 % gegenüber dem Vorjahr) und im dritten Quartal 2025 sogar 2,13 USD erreichte.6 Diese Steigerung wird durch Produkte wie den Gaming-Browser Opera GX ermöglicht, der Nutzer anzieht, die über eine höhere Kaufkraft verfügen und für Werbetreibende in den Bereichen Hardware, Software und digitale Dienstleistungen von höchstem Interesse sind.
Ein weiterer innovativer Aspekt ist die Integration von künstlicher Intelligenz durch die „Aria“-Engine. Aria fungiert nicht nur als einfacher Chatbot, sondern als integrierter Assistent, der die Sucherfahrung grundlegend verändert und neue Möglichkeiten für „Query-based“-Umsätze schafft.3 Mit der Einführung von „Opera Neon“, einem agentenbasierten Browser für Power-User, testet das Unternehmen zudem ein Premium-Abonnement-Modell, das die Abhängigkeit von reinen Werbeeinnahmen verringern könnte.
2. Wettbewerbsvorteil (Economic Moat)
In der Welt der Browser, die von den Standardinstallationen der Betriebssystemhersteller (Google Chrome, Apple Safari, Microsoft Edge) dominiert wird, scheint es auf den ersten Blick unmöglich, einen dauerhaften Wettbewerbsvorteil zu erlangen. Dennoch hat Opera durch eine konsequente Nischenstrategie und technologische Differenzierung einen „Economic Moat“ geschaffen, der auf drei Säulen basiert: Produktspezialisierung, Ökosystem-Integration und regulatorische Arbitrage.
Die Gaming-Nische als Schutzwall
Der bedeutendste Wettbewerbsvorteil ist zweifellos die Marke „Opera GX“. Durch die Integration von Funktionen, die speziell auf die Bedürfnisse von Gamern zugeschnitten sind – wie CPU-, RAM- und Netzwerk-Limiter – hat Opera eine loyale Nutzerbasis geschaffen, die den Browser nicht nur als Fenster zum Web, sondern als Teil ihres Gaming-Setups betrachtet. Die psychologischen Wechselkosten sind hier signifikant höher als bei einem Standard-Browser, da Nutzer ihre „Workspaces“ und „Mods“ individuell anpassen. Während Chrome ein generisches Werkzeug ist, ist GX ein spezialisiertes Instrument. Diese Positionierung schützt Opera vor der direkten Preiskonkurrenz und ermöglicht überdurchschnittliche Werbemargen im Gaming-Segment
Technologische Agilität durch Chromium
Opera nutzt die Chromium-Engine als technologische Basis, was paradoxerweise einen Wettbewerbsvorteil darstellt. Indem das Unternehmen auf der weltweit führenden Rendering-Technologie aufbaut, entfallen die immensen Kosten für die Wartung einer eigenen Engine (ein Schicksal, das Opera mit dem Wechsel von der Presto-Engine im Jahr 2013 besiegelte). Die gesparten Forschungs- und Entwicklungsgelder können stattdessen in die Benutzeroberfläche (UI), innovative Features wie integrierte VPNs, Ad-Blocker und KI-Integrationen fließen. Diese Flexibilität erlaubt es Opera, schneller auf Trends wie generative KI zu reagieren als die behäbigen Giganten Google oder Microsoft.
Der Digital Markets Act (DMA) als externer Hebel
In der Europäischen Union profitiert Opera von einem neuen regulatorischen Wettbewerbsvorteil. Der Digital Markets Act verpflichtet Gatekeeper wie Apple und Google, Auswahlbildschirme für Browser anzuzeigen. Da Opera als eine der attraktivsten Alternativen auf diesen Listen erscheint, verzeichnete das Unternehmen einen massiven Zuwachs an Installationen auf iOS-Geräten in Europa. Diese regulatorische Öffnung bricht das Monopol der Standardbrowser auf und verschafft Opera Zugang zu einem Markt, der zuvor künstlich verschlossen war.
Die „MiniPay“-Brücke in Schwellenländern
In Afrika nutzt Opera seine jahrzehntelange Erfahrung mit der Datenkompressionstechnologie von Opera Mini, um ein Fintech-Ökosystem aufzubauen. Mit über 10 Millionen aktivierten MiniPay-Wallets hat Opera eine Nutzerbasis geschaffen, die über den Browser Finanztransaktionen abwickelt.6 Diese tiefe Integration in den Alltag der Nutzer in Märkten wie Nigeria und Kenia schafft Netzwerkeffekte, die für globale Konkurrenten ohne lokale Infrastruktur und Vertrauen nur schwer angreifbar sind.
3. SWOT-Analyse
Stärken (Strengths)
- Überlegene Profitabilität: Opera weist für ein Softwareunternehmen dieser Größe außergewöhnliche EBITDA-Margen von über 23 % aus und generiert konsistent positive Free Cashflows.
- Starke Bilanz: Das Unternehmen ist nahezu schuldenfrei und verfügt über signifikante Cash-Reserven von rund 119 Millionen USD.
- Nischen-Dominanz: Mit Opera GX hält das Unternehmen eine monopolähnliche Stellung im Segment der spezialisierten Gaming-Browser.
- Innovationskultur: Die schnelle Integration von KI (Aria) und Web3-Features zeigt eine Agilität, die den Marktführern fehlt.
Schwächen (Weaknesses)
- Abhängigkeit von Suchpartnern: Ein erheblicher Teil der Umsätze hängt von Verträgen mit Google und Yandex ab. Eine Kündigung oder Verschlechterung dieser Konditionen wäre katastrophal.
- Begrenzter Marktanteil: Mit einem globalen Marktanteil im niedrigen einstelligen Prozentbereich bleibt Opera ein Zwerg gegenüber Chrome.
- Governance-Abschlag: Die chinesische Mehrheitsbeteiligung durch Kunlun Tech führt zu einem dauerhaften Bewertungsabschlag am US-Kapitalmarkt aufgrund geopolitischer Sorgen.
Chancen (Opportunities)
- KI-Monetarisierung: Die Einführung von Premium-KI-Diensten wie Opera Neon könnte die Werbeabhängigkeit reduzieren und hochmargige Abo-Einnahmen generieren.
- Expansion der Fintech-Sparte: OPay und MiniPay bieten enormes Wachstumspotenzial in unterversorgten Märkten Afrikas und Lateinamerikas.15
Regulatorischer Rückenwind: Die Fortführung der DMA-Durchsetzung in der EU könnte den Marktanteil auf mobilen Endgeräten weiter steigern. - E-Commerce-Wachstum: Die vertiefte Partnerschaft mit Plattformen wie Amazon und Flipkart bietet Raum für höhere Affiliate-Umsätze.
Risiken (Threats)
- Geopolitische Spannungen: Ein Handelskrieg zwischen den USA und China könnte die Listung an der Nasdaq oder den Zugang zu westlichen Nutzerdaten gefährden.
- Verschärfung des Datenschutzes: Neue Regulierungen könnten das für die Werbeplattform Opera Ads so wichtige Tracking einschränken.
- Aggressive Konkurrenz: Sollte Microsoft oder Google entscheiden, spezialisierte „Gaming-Modes“ direkt in ihre Browser zu integrieren, könnte der Schutzwall um Opera GX bröckeln.
- Technologische Disruption: Der Übergang zu einer Welt ohne klassische Browser (z.B. rein sprachgesteuerte KI-Interfaces) bedroht das Kernprodukt.
4. Managementqualität und Kapitalallokation
Das Management von Opera Limited, angeführt von Chairman und CEO James Yahui Zhou, verfolgt eine Strategie, die man als „opportunistischen Pragmatismus“ bezeichnen kann. Zhou, ein Milliardär und erfahrener Tech-Unternehmer, hat das Unternehmen mit einer harten Hand auf Profitabilität getrimmt. Die Entscheidung, unrentable Nutzer in Schwellenländern, die zwar die Statistik aufblähten, aber keinen ARPU lieferten, fallen zu lassen, zeugt von einer rationalen Kapitalallokation.
Aktionärsfreundliche Kapitalpolitik
Besonders hervorzuheben ist die Kapitalallokation seit 2020. Opera hat in den letzten Jahren rund 500 Millionen USD an die Aktionäre zurückgegeben. Dies geschah durch eine Kombination aus:
- Regelmäßigen Dividenden: Opera zahlt eine halbjährliche Dividende von 0,40 USD pro Aktie ($0,80 p.a.), was bei aktuellen Kursen einer Rendite von über 5% entspricht.
- Aktienrückkäufen: Das Unternehmen nutzt überschüssige Liquidität, um die Anzahl der ausstehenden Aktien zu reduzieren, was den Gewinn je Aktie (EPS) künstlich stützt.
Diese Politik ist für ein Wachstumsunternehmen ungewöhnlich und deutet darauf hin, dass das Management der Meinung ist, die Aktie sei am Markt unterbewertet. Es ist ein Signal an die Anleger: „Wenn der Markt uns kein faires Multiple zugesteht, kaufen wir uns selbst und zahlen eine hohe Prämie für das Halten der Aktie.“
Kritische Aspekte der Governance
Dennoch gibt es „Auffälligkeiten“, die ein erfahrener Analyst nicht ignorieren darf. Die engen Verflechtungen mit Kunlun Tech werfen Fragen auf. So gab es Transaktionen wie den Verkauf der Beteiligung an „Star X“ an den Mutterkonzern, wobei die Kaufpreisforderungen teilweise durch die Verrechnung von Dividenden beglichen wurden, die Opera an Kunlun hätte zahlen müssen. Solche „Related Party Transactions“ sind zwar legal und dokumentiert, können aber den Verdacht erwecken, dass die Interessen des Mehrheitsaktionärs über denen der Minderheitsaktionäre stehen. Die Ernennung von Lin Song zum alleinigen CEO im Oktober 2025 könnte jedoch ein Schritt sein, die operative Führung weiter zu professionalisieren und von der Person Zhou Yahui zu entkoppeln.
5. Zusammenfassung des Fundamentalteils
Opera Limited ist heute kein Software-Oldtimer mehr, sondern ein hochprofitables Spezial-Vehikel für digitale Werbung und KI-Browsing. Die qualitative Stärke liegt in der Fähigkeit, durch Nischenprodukte wie Opera GX eine Nutzerbasis zu monetarisieren, die für Giganten wie Google zu spezifisch ist. Mit einer soliden Bilanz, einer attraktiven Dividendenpolitik und zweistelligem Wachstum in den High-ARPU-Märkten ist die fundamentale Equity Story intakt. Der „Elefant im Raum“ bleibt die Eigentümerstruktur, die jedoch durch die starke Cash-Generierung und die konsequente Ausschüttungspolitik teilweise kompensiert wird.
6. Analyse der Aktienkursbewegung und Nachrichten der letzten 12 Monate
Um die Entwicklung der Opera-Aktie (OPRA) im vergangenen Jahr zu verstehen, muss man die Diskrepanz zwischen operativer Leistung und Marktwahrnehmung betrachten.
Kursentwicklung im Überblick
Die Performance der letzten 12 Monate (Januar 2025 bis Januar 2026) war für Anleger ernüchternd, insbesondere im Vergleich zum boomenden Tech-Sektor.
| Zeitraum | Performance OPRA | Performance S&P 500 | Relative Stärke |
|---|---|---|---|
| Letzte 12 Monate | ca. -24% bis -26% | ca. +15% bis +19% | Massive Underperformance |
| Seit Jahresanfang (YTD) | ca. -5,1% (Stand 09.01.2026) 33 | ca. +0,6% | Schwacher Start ins neue Jahr |
Die Aktie bewegte sich in einer 52-Wochen-Spanne zwischen 12,62 USD und 22,50 USD. Während der breite Markt (S&P 500) neue Allzeithochs erklomm, kämpfte Opera mit einem anhaltenden Verkaufsdruck, der die Aktie im Januar 2026 wieder in die Nähe ihrer Jahrestiefs drückte.
Was hat den Kurs bewegt? Eine Chronologie der Trigger
Trotz der negativen Kursentwicklung gab es zahlreiche positive fundamentale Nachrichten, die jedoch oft nur kurzfristige Erholungen auslösten.
1. Die Serie der „Earnings Beats“
In jedem einzelnen Quartalsbericht (Februar, April, August, Oktober 2025) übertraf Opera die Erwartungen der Analysten. Besonders der Bericht zum 3. Quartal 2025 im Oktober war stark: Ein Umsatzwachstum von 23 % und eine Anhebung der Jahresprognose auf über 600 Millionen USD. Der Markt reagierte jedoch oft mit dem Muster „Sell the News“, was auf eine tiefe Skepsis gegenüber der Nachhaltigkeit dieser Wachstumsraten hindeutet.
2. Dividenden-Mechanik und technischer Verkaufsdruck
Ein wiederkehrender Faktor waren die Ex-Dividenden-Tage. Da Opera eine sehr hohe Dividendenrendite von teilweise über 8 % (basierend auf historischen Kursen) aufweist, führt der Abschlag am Ex-Tag (zuletzt am 07.01.2026) regelmäßig zu optisch großen Kursverlusten. Analysten stellten fest, dass dies oft „mechanisches Verkaufen“ auslöste, da der Kurs wichtige technische Unterstützungen durchbrach.
3. Der Schatten der Hindenburg-Vergangenheit und Short-Sellers
Obwohl der ursprüngliche Hindenburg-Bericht Jahre zurückliegt (2020), bleibt die Aktie ein Ziel für Short-Seller. Mit einem Short-Interest von rund 22 % der frei handelbaren Aktien (Float) wetten große Marktteilnehmer aggressiv gegen Opera. Die Vorwürfe von damals – undurchsichtige Kreditgeschäfte in Afrika und zweifelhafte Related-Party-Deals – hallen in der vorsichtigen Bewertung durch den Markt nach. Die Tatsache, dass Hindenburg Research im Januar 2025 den Betrieb einstellte, brachte keine nennenswerte Entlastung für Opera, da die strukturelle Skepsis gegenüber chinesisch kontrollierten Nasdaq-Werten bestehen blieb.
4. Die KI-Story und neue Produkte
Im Oktober 2025 versuchte das Management, durch die Ankündigung von „Opera Neon“ und neuen KI-Agenten eine „AI-Gem“-Story zu etablieren. Nachrichten über eine vertiefte Partnerschaft mit Google im Bereich der KI-Modelle im Dezember 2025 sorgten kurzzeitig für Fantasie, konnten den Abwärtstrend aber nicht nachhaltig brechen.
5. M&A-Gerüchte und Insider-Aktivität
Es gab im April 2025 vereinzelte Spekulationen über M&A-Aktivitäten im Sektor, die Opera als potenzielles Übernahmeziel sahen, doch konkrete Schritte blieben aus. Insiderkäufe wurden im Berichtszeitraum kaum verzeichnet; stattdessen gab es Form 144 Filings im September 2025, die auf beabsichtigte Verkäufe von restricted Stocks durch Insider hindeuteten, was den Kurs zusätzlich belastete.
Zusammenfassung der Marktlage
Die Aktie ist „gefangen“ zwischen exzellenten fundamentalen Kennzahlen und einer extrem negativen Marktstimmung. Jeder Versuch eines Ausbruchs nach oben wurde im Jahr 2025 durch Gewinnmitnahmen oder Leerverkäufe im Keim erstickt. Die Performance-Lücke zum S&P 500 ist nun so groß, dass die Aktie aus Sicht der technischen Analyse als „überverkauft“ gilt (RSI im Bereich von 38), aber ein positiver Katalysator fehlt.
7. Herausforderung durch zwei Szenarien: Investieren oder Fliehen?
Als Analyst präsentiere ich nun die zwei gegensätzlichen Thesen, die heute über die Zukunft der Opera-Aktie entscheiden.
Szenario 1: Warum die Aktie heute ein „Strong Buy“ ist (The Bull Case)
Wer heute Opera-Aktien kauft, erwirbt ein hocheffizientes Wachstumsunternehmen zu einer Bewertung, die man normalerweise nur bei Firmen findet, die kurz vor dem Konkurs stehen.
Die unschlagbare Bewertung
Betrachtet man die nackten Zahlen aus den Geschäftsberichten 2023–2024 und den 2025er Updates, ergibt sich ein Bild extremer Unterbewertung:
| Kennzahl | Wert (aktuell/erwartet) | Interpretation |
|---|---|---|
| KGV (P/E) | ca. 8,7x bis 15,0x | Deutlich unter dem Marktdurchschnitt (~40x). |
| EV/EBITDA | ca. 8,3x bis 14,5x | Ein Bruchteil der Multiple von Software-Peers. |
| Dividendenrendite | ca. 5,9% bis 8,8% 27 | Massiver Cash-Rückfluss, der das Warten versüßt. |
| ROA | ca. 8,0% | Solide Rentabilität des eingesetzten Kapitals. |
Operative Exzellenz
Der Umsatz ist von 396 Mio. $ (2023) auf prognostizierte 603 Mio. $ (2025) gewachsen. Das EBITDA wuchs im gleichen Zeitraum von 93 Mio. $ auf rund 140 Mio. $. Der Gewinn je Aktie (EPS) soll im nächsten Jahr um weitere 26 % steigen. Opera ist eine „Cash-Maschine“: Die Conversion-Rate von EBITDA zu operativen Cashflow liegt bei über 90 %.
Auffälligkeiten im Geschäftsbericht
Ein tiefes Studium der Berichte offenbart, dass Opera massiv in KI-Infrastruktur investiert hat (z. B. 20 Mio. $ für einen NVIDIA-Cluster in Island), was die Grundlage für zukünftige proprietäre Dienste legt. Die Investmentbanken (Goldman Sachs, Piper Sandler) sehen ein durchschnittliches Kursziel von 25,50 USD bis 33,00 USD – das entspricht einem Upside-Potenzial von über 80 %. Seeking Alpha Analysten bezeichnen die Aktie als „Deep-Value-Thesis“ und einen „AI gem“, der vom Markt schlicht ignoriert wird.
Fazit Bull Case: Die Aktie ist eine „Feder, die unter Wasser gedrückt wird“. Sobald der Markt den Fokus von der Eigentümerstruktur auf die Cash-Generierung lenkt, ist eine Neubewertung (Rerating) unvermeidlich.
Szenario 2: Warum man die Aktie heute keinesfalls kaufen sollte (The Bear Case)
Es gibt einen Grund, warum die Aktie so billig ist – und dieser Grund ist nicht die mangelnde Intelligenz des Marktes, sondern ein tiefes Misstrauen in die Qualität der Gewinne und die Sicherheit des Kapitals.
Die „China-Falle“ und Governance-Risiken
Obwohl Opera vorgibt, ein norwegisches Unternehmen zu sein, liegt die Kontrolle in Peking. Die Geschichte von „Grindr“ hat gezeigt, dass die US-Regierung (CFIUS) jederzeit intervenieren kann, wenn sie nationale Sicherheitsinteressen gefährdet sieht. Ein Investment in Opera ist eine Wette auf die Wohlwollen von Zhou Yahui und die Stabilität der US-chinesischen Beziehungen. Die im Geschäftsbericht erwähnten „Related Party Transactions“ (Note 16) zeigen, dass Kapitalflüsse zwischen Opera und Kunlun oft undurchsichtig sind.
Margendruck und Kostenexplosion
Liest man die Berichte genau, erkennt man erste Risse:
- Cost of Revenue: Die Kosten für Inventar und Plattformgebühren stiegen im Q3 2025 deutlich schneller als der Umsatz (von 30,4 Mio. $ auf 48,5 Mio. $).
- Share-based Compensation: Diese Ausgaben explodierten 2025 förmlich (Anstieg um bis zu 350 % in einzelnen Quartalen), was zeigt, dass das Management sich selbst fürstlich entlohnt, während die Aktionäre auf Kursverlusten sitzen.
- Marketing-Abhängigkeit: Opera kauft sich sein Wachstum teuer ein. Ohne die massiven Ausgaben für Marketing und Distribution würde die Nutzerbasis schrumpfen.
Markt-Erwartungen und Dynamik-Verlust
Analysten erwarten für 2026 und 2027 eine Abschwächung der Dynamik. Während 2025 noch mit 25 % Umsatzwachstum glänzte, prognostizieren die Modelle für 2026 nur noch ca. 14 % Wachstum. Der Markt antizipiert bereits das Ende des „GX-Booms“. Zudem droht durch Googles eigene KI-Bestrebungen eine Disruption der Suchverträge, die den stabilen Teil der Einnahmen gefährdet.
Fazit Bear Case: Opera ist eine „Value Trap“. Die hohe Dividende ist eine Entschädigung für das hohe Risiko, dass das Unternehmen eines Tages von der Nasdaq delistet wird oder durch Governance-Skandale implodiert. Der hohe Short-Anteil von 22 % zeigt, dass Profis hier noch viel Abwärtspotenzial sehen.
8. Abschließendes Urteil des Analysten
Opera Limited ist ein Unternehmen der extremen Gegensätze. Fundamental betrachtet ist es ein „No-Brainer“: Wachstum, Cashflow und Dividende bei einem einstelligen Multiple. Doch die psychologische und geopolitische Barriere ist massiv.
Für den mutigen Anleger bietet sich hier eine der seltenen Chancen, ein funktionierendes Tech-Unternehmen zum „Abbruchpreis“ zu kaufen. Man sollte jedoch nur Kapital einsetzen, dessen Verlust man verschmerzen kann, und die Aktie eher als eine „Deep-Value-Spekulation“ mit Zinskomponente (Dividende) denn als sicheres Core-Investment betrachten. Die kommenden Quartalszahlen werden entscheidend sein, um zu sehen, ob die Bruttomargen den Anstieg der Plattformkosten auffangen können. Solange das Short-Interest so hoch bleibt, ist Vorsicht die Mutter der Porzellankiste. Anleger sollten auf eine Bodenbildung bei ca. 13,00 USD warten, bevor sie eine erste Position wagen.





