Von der belächelten Fusionsleiche zum hocheffizienten Plattform-Player: Angi Inc. hat ein turbulentes Jahr hinter sich. Nach der Abspaltung vom Mutterkonzern IAC und einer radikalen Rosskur steht der US-Marktführer für Heimdienstleistungen an einem Wendepunkt. Für mutige Anleger bietet die aktuelle Bewertung eine chance, die man sonst nur bei Turnaround-Kandidaten im Endstadium findet – doch die Risiken sind so real wie ein Rohrbruch im Keller.
In der Welt der Plattformökonomie gilt ein Gesetz: Wer den Zugang zum Kunden kontrolliert, gewinnt. Angi Inc. (NASDAQ: ANGI), das Schwergewicht hinter Marken wie Angie’s List, myhammer und HomeAdvisor, kontrolliert diesen Zugang seit Jahrzehnten. Doch der Weg von der analogen Empfehlungsliste der Gründerin Angie Hicks zum digitalen Ökosystem war steinig. Heute, nach dem finalen Spin-off von IAC im April 2025, steht das Unternehmen vor seiner größten Prüfung: Kann es die jahrelange Umsatzerosion stoppen und sich als KI-gesteuerte Cash-Maschine neu erfinden?
Die Anatomie einer radikalen Rosskur
Lange Zeit krankte Angi an seiner eigenen Komplexität. Das Geschäftsmodell basierte darauf, Hausbesitzer mit Handwerkern zu matchen und für diese „Leads“ Gebühren zu kassieren – oft zum Frust beider Seiten. Unter CEO Jeff Kip und dem IAC-Urgestein Joey Levin wurde jedoch ein strategischer Pivot vollzogen, der in der Branche seinesgleichen sucht: „Homeowner Choice“. Statt Kundenanfragen wie Massenware an den Meistbietenden zu verkaufen, können Nutzer ihre Profis nun gezielt wählen.
Die kurzfristige Folge war ein Schock für die Wall Street: Das Lead-Volumen brach zweistellig ein, der Umsatz sank zuletzt um rund 10,5 % auf 265,6 Mio. USD im Quartal. Doch wer nur auf die Top-Line starrt, übersieht das Wesentliche. Angi bereinigt sein Geschäft von „minderwertigen Kanälen“. Das Ergebnis: Der Net Promoter Score (NPS) steigt, die Qualität der Kontakte nimmt zu, und das operative Ergebnis explodierte im dritten Quartal 2025 trotz Umsatzrückgang um 179 % auf 21,8 Mio. USD.
Der „Burggraben“ im Schatten von Google
Die Kernfrage für Investoren bleibt: Besitzt Angi einen dauerhaften Wettbewerbsvorteil (Economic Moat)? Mit einer Bruttomarge von beeindruckenden 95 % und einem Datenschatz aus drei Jahrzehnten Kundenbewertungen lautet die Antwort: Ja, aber er wird belagert. Der mächtigste Gegner ist nicht etwa der Konkurrent Thumbtack oder Yelp, sondern Google. Durch „Local Services Ads“ drängt der Suchmaschinenriese Angi oft aus dem direkten Sichtfeld der Nutzer.
Angi kontert diesen Druck mit technologischer Aufrüstung. Der neue „AI Helper“ ist kein bloßes Marketing-Gimmick: Er erzielt eine 2,7-fach höhere Konversionsrate als herkömmliche Prozesse. Bis 2027 soll die migration auf eine vollständig KI-fähige Plattform abgeschlossen sein. Zudem setzt das Management auf „Proprietary Channels“ – eigene Apps und Webseiten –, um die fatale Abhängigkeit von teurem Google-Traffic zu reduzieren.
Ein Paradies für Value-Investoren?
Blickt man auf die Bewertung, reiben sich Value-Investoren die Augen. Angi handelt zu einem Forward EV/EBITDA von etwa 5,5x für das Jahr 2026. Viele Peers im Internetsektor werden mit dem Doppelten oder Dreifachen bewertet. Noch beeindruckender ist die Cashflow-Generierung: Mit einem Free Cashflow (FCF) von über 100 Mio. USD bei einer Marktkapitalisierung von lediglich rund 550 Mio. USD erreicht die FCF-Rendite fast 20 %.
Das Management nutzt diese Unterbewertung aggressiv. Allein im Jahr 2025 kaufte das Unternehmen fast 15 % der ausstehenden Aktien zurück – ein massives Vertrauensvotum in die eigene Strategie. Dass man zudem Anfang 2026 rund 12 % der Belegschaft abbaute, um Effizienzgewinne durch KI zu realisieren, unterstreicht die operative Härte der „Diller-Schule“, aus der das Führungsteam stammt.
Die zwei Gesichter der Medaille: Bull- vs. Bear-Case
Für Anleger ist Angi derzeit eine binäre Wette:
Das Bullen-Szenario: Die Transformation glückt, der Umsatz stabilisiert sich 2026 bei rund 1,07 Mrd. USD, und die enorme Hebelwirkung der 95%-Marge schlägt voll auf den Gewinn durch. In diesem Fall ist eine Verdoppelung oder Verdreifachung des Kurses von den aktuellen Niveaus (nahe des 52-Wochen-Tiefs bei ca. 10 USD) absolut plausibel.
Das Bären-Szenario: Der strukturelle Umsatzrückgang ist kein Zeichen von „Bereinigung“, sondern von Relevanzverlust. Google und moderne Mitbewerber saugen die profitablen Kunden ab, während Angi auf einem Berg veralteter Technologie und Goodwill sitzen bleibt.
Fazit: Mut wird belohnt – oder bestraft
Angi ist nichts für schwache Nerven. Die Aktie verlor auf 12-Monats-Sicht über 30 % an Wert und bleibt hochvolatil. Doch die fundamentale Basis ist solide: Eine moderate Verschuldung (Debt-to-Equity 0,50) und ein krisenfestes Kerngeschäft – repariert und renoviert wird immer – bieten Sicherheit.
Wer darauf setzt, dass CEO Jeff Kip die Wende schafft und die KI-Integration die Kostenbasis dauerhaft senkt, findet in Angi eine der günstigsten Technologie-Aktien des US-Marktes. Es ist die Wette auf einen ehemals schwerfälligen Giganten, der gerade lernt, im Sprinttempo zu agieren.
Urteil: Spekulativ Kaufen für Anleger mit langem Atem.

